Der Couturier und seine HELDINNEN

A Tribute to Thierry Mugler

by divaonline-admin

Die fulminante Ausstellung »Thierry Mugler -Couturissime« in Paris feiert einen Titanen -und erinnert an die verlorene Unschuld der Mode.

von Silke Bender

Was für ein Auftakt: Das »Schimären-Kleid« aus der Haute-Couture-Kollektion 1997/98 ist ganz große Oper (Bild Oben). Mit dem Prachtstück aus Stickerei, Federn und Pferdehaar beginnt die Reise in die fantastische Welt von Thierry Mugler, der nicht Frauen, sondern Göttinnen einkleiden wollte, mythologische Wesen zwischen Engeln, Reptilien, Insekten und Außerirdischen. Thierry Mugler war immer »larger than life«; seine Mode ein Wumms, ein Spektakel, ein Happening. Seine Frauen waren breitschultrig, schmal in der Taille, brustpanzergestählt und kriegerisch. Die »Glamazone« war sein Leitmotiv.

Meine Arbeit ist eine Hommage an die Natur, meine Motivation eine Hommage an das Leben.

Thierry MuglerÖSTERREICHISCHE WURZELN

Als Kind österreichischer Auswanderer aus Linz wuchs er im kleinbürgerlichen Elsass der Nachkriegszeit auf, träumte sich mit den Opern Richard Wagners in eine andere Welt. Die wehrhafte, rüstungsartige Silhouette, die zu seinem Markenzeichen wurde, ist stark von den Heldinnen der Wagneropern inspiriert. Mit 14 begann Mugler seine Ballettausbildung an der renommierten Straßburger Oper, es folgte jene zum Kostümbildner, bevor er ab den 70er-Jahren die Modeszene von Paris aufmischte: Schon 1979 entwarf er Bühnenkostüme für David Bowie.

Die 90er-Jahre wurden sein Jahrzehnt, dem Mugler auch als Modefoto graf, Popvideo-Regisseur, Produkt designer und Parfümeur seinen Stempel aufdrückte. Mit dem Duft »Angel« landete er einen Bestseller, der zeitweilig sogar die Verkaufszahlen von »Chanel 5« überflügelte. Diesem Parfum ist in der Ausstellung ein ganzer Raum gewidmet. Man roch es überall in den angesagten Technoclubs der Welt: übertrieben süß und immer wie zu dick aufgetragen. Es war ein Duft, der wie kein anderer zum Zeitgeist passte -von Berlin bis Paris und New York gingen Männer wie Frauen mit Engelsflügeln, Pailletten, silbernen Plateaustiefeln, rosa Perücken und Federboas tanzen -ganz im Geist des Camp, der ironischen Übertreibung und des süßlichen Pathos.

ALTER EGO MANFRED Zur Jahrtausendwende drehte sich der Wind und wehte den Turbokapitalismus bis in unsere Kleiderschränke. Unsere Outfits sollten uns fortan vom Büro bis nach Mitternacht begleiten können; wir kleideten uns alltagstauglicher, angepasster, langweiliger. Mugler verkaufte seine defizitär gewordene Marke -er wohnt heute in Berlin und nennt sich schlicht Manfred. Durch seine Schönheitsoperationen und seinen aufgepumpten Körper drückt der immer noch multikreative Künstler seinen Unwillen aus, sich dem auf glatte Effizienz getrimmten Zeitgeist und dem neuen Dogma einer vermeintlichen natürlichen Schönheit zu beugen. In der Übertreibung, der Maskerade und der Ausblendung der Wirklichkeit liegt auch eine Wahrheit – und ein großer, verlorener Spaß.

Austellung »Thierry Mugler -Couturissime«
bis 24. April 2022 im Musée des Arts Décoratifs in Paris,
madparis.fr.

  1. VISIONÄRES SCHAFFEN: Mit seiner Mode verlieh Mugler den Menschen, die er als »zerbrechliche, schöne Geschöpfe« bezeichnete, heroische Stärke.
  2. SKULPTURAL Supermodel Gisele Bündchen 2018 als Superheldin -in einem Thierry-Mugler-Outfit: Kollektion »Superstar Diana Ross«, Prêt-à-porter Frühjahr / Sommer 1991.
  3. CHAMÄLEON DES POPDavid Bowie 1991 während des Videodrehs zum Song »You Belong in Rock ‘n’Roll« mit seiner Band Tin Machine – natürlich in Mugler.

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