Die neue belgische Welle

Silke Wichert

by divaonline-admin

Nach den Antwerp Six und Martin Margiela prägt nun eine neue Generation von Designern mit belgischem Hintergrund die Modewelt. Die DIVA ging den Fragen nach, was sie auszeichnet und warum sie vor allem jetzt wieder so gefragt sind.

Was haben Bottega Veneta, Alaïa, Saint Laurent, Prada und Diesel gemeinsam? Vordergründig nicht viel – aber hinter den Kulissen verbindet sie etwas ziemlich Entscheidendes. Oder besser gesagt: ziemlich entscheidende Personen. Bei all den genannten Modemarken steht nämlich ein belgischer Designer an der Spitze. Im Fall von Prada ist es der Co-Kreativchef Raf Simons, der schon seit den späten 90er-Jahren zu den Stars der Branche gehört und neben seinem eigenen Label bei so unterschiedlichen Marken wie Jil Sander, Dior und Calvin Klein beschäftigt war. Saint Laurent wird seit sechs Jahren von Anthony Vaccarello entworfen, der vor 40 Jahren als Sohn italienischer Einwanderer in Brüssel geboren wurde und sich als Meister der spärlich-stofflichen Verführung entpuppte. Vor allem in den letzten Jahren ist die Belgierquote noch einmal deutlich gestiegen: Ende 2020 wurde Glenn Martens, 39, auserkoren, mit seinen aus­gefallenen Jeansvarianten den Denim-Tanker Diesel wieder nach vorne zu bringen. Kurz darauf wurde sein Landsmann Pieter Mulier, 42, zum Nachfolger des legendären Couturiers Azzedine Alaïa berufen. Und ein paar Monate später, nach dem überraschenden Abgang von Daniel Lee bei Bottega Veneta, war es erneut ein Belgier, der seinen Platz einnahm: Matthieu Blazy, 38, der bereits zuvor als Designdirektor bei dem italie­nischen Label sowie bei Maison Margiela gearbeitet hatte.
Das ist, gemessen an der Größe ihres Heimatlandes, eine erstaunliche Dichte in der obersten Designerliga. Zählt man lange etablierte Namen wie Dries Van Noten, Haider Ackermann oder Kris Van Assche hinzu, ist die Anzahl noch einmal größer. Dabei ist Belgien mit einer Fläche von rund 30 000 Quadratkilometern deutlich kleiner als Österreich. Zwar hat es mit fast zwölf Millionen trotzdem mehr Einwohner, aber wie viele rot-weiß-rote Designer finden sich im Vergleich bei großen Modehäusern?

Avantgardistisches Design

»The Belgians: An Unexpected Fashion Story« lautete entsprechend der Titel einer Ausstellung, die vor sieben Jahren im Brüsseler Centre for Fine Arts (Bozar) eröffnet wurde. Es gab dort allerdings nicht nur eine »unerwartete« Modegeschichte, sondern vor allem eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte zu bestaunen: Auf der einen Seite die Antwerp Six, sechs Absolventen der Royal Academy of Fine Arts aus ebenjener Stadt in Flandern, die Mitte der 80er gemeinsam mit einem Bus nach London zur British Designer Show fuhren: Dirk Bikkembergs, Walter Van Beirendonck, Ann Demeulemeester, Dries Van Noten, Dirk Van Saene und Marina Yee.
Als sie merkten, dass keiner der Einkäufer von ihren Entwürfen Notiz nahm, weil ihre ­Kollektionen im ersten Stock versteckt worden waren, weit weg von britischen Designern wie John Galliano oder Vivienne Westwood, druckten sie kurzerhand Flyer und verteilten sie. Die Aktion funktionierte, US-Händler, etwa von Barney’s, kamen und waren hingerissen von den ungewöhnlichen avantgardistischen Designs des jungen Kollektivs. Nur aussprechen konnten sie deren Namen nicht – so entstand der Terminus Antwerp Six. Vor allem Dries Van Noten und Ann Demeulemeester avancierten daraufhin zu Superstars einer neuen modischen Avantgarde.
Beinahe zeitgleich wurde auch Martin Margiela bekannt, rückblickend nicht weniger als ein Urknall für belgisches Design, eigentlich für die Modewelt insgesamt: Der in Genk aufgewachsene Designer hatte einige Zeit als Assistent von Jean Paul Gaultier gearbeitet, bevor er im Jahr 1988 in Paris sein eigenes Label gründete. Sein radikaler Dekonstruktivismus, das »Arbeiten mit dem, was da ist«, etablierte eine völlig neue Ästhetik und Denkweise, die Kreative bis heute inspiriert. Margielas Fashionshows waren regelrechte Happenings, die in ihrer Aussage stets tiefer gingen als das bloße Zurschaustellen von neuen Kleidern. Trotz seines Erfolgs blieb Margiela weitgehend anonym – er gab keine Interviews, es existieren kaum Fotos von ihm. Auch diese Konsequenz ist bis heute einmalig.
Spätestens seit den 1980er-Jahren zeigte sich also: Belgier können nicht nur Pralinen, Pommes, Bier und EU-Parlament, sie verstehen auch einiges von Design. Doch warum sind gerade diese Europäer so stark in der Mode? Und warum sind sie vor allem jetzt wieder so gefragt? »Wir sind wirklich überall«, sagt Glenn Martens lachend. Der 39-Jährige sorgt mit seinem Pariser Label Y/Project schon lange für Aufsehen. Dieses Jahr feiert er mit seiner Debütshow für Diesel und einer Capsule Collection für Jean Paul Gaultier Couture den großen Durchbruch. »Das hat sicher viel damit zu tun, dass die Modeschulen bei uns so gut sind«, führt Martens weiter aus: Er studierte an der berühmten Royal Academy of Fine Arts in Antwerpen – wie schon die Antwerp Six, Martin Margiela oder Haider Ackermann.

 

Eine bestimmte Tiefe zeigen

Die Akademie gilt international nach wie vor als eine der besten. Welcher Ruf ihr vor allem vorauseilt: dass sie Mode immer noch als »Kunst« unterrichtet. Der jetzige Direktor ist kein Geringerer als der Designer Walter Van Beirendonck, der eine »maßgeschneiderte« Ausbildung anstrebt: individuelles Arbeiten, aber viel Austausch und Korrekturen durch die Lehrkräfte. Wer ebenfalls in Antwerpen studierte: Demna Gvasalia von Balenciaga. »Im Grunde war es damals die einzige Schule, die ich mir leisten konnte«, sagte der gebürtige Georgier, der mit seiner Familie nach Deutschland flüchtete, einmal in einem Interview: Während die prestigeträchtigen Londoner Colleges häufig so teuer sind, dass nur noch die Kinder reicher Eltern oder Stipendiaten sie sich leisten können, ist das belgische System noch deutlich durch­lässiger.
»Die Ausbildung ist längst nicht alles, es geht ja auch um die Erfahrungen, die man danach sammelt«, sagt die legendäre Direktorin der Royal Academy in Antwerpen, Linda Loppa. »Wir Belgier haben eine bestimmte Tiefe. Wir nehmen die Sachen sehr ernst«, so die heutige Beraterin, die 25 Jahre lang die Institution leitete und Teil des Antwerp Fashion Movement war. »Wir ­wollen immer wissen, warum genau wir etwas machen – jedes Objekt braucht eine Berech­tigung«, sagt Loppa.

Der Modedesigner Pieter Mulier formuliert es so: »Wir sind sehr konzeptionell, ziemlich mathematisch; vielleicht auch eine Spur verrückt.« Das Konzeptionelle ist seiner Meinung nach die größte Gemeinsamkeit der belgischen Designer, deshalb sei im Grunde auch Gvasalia ein solcher: »Sein kreativer Ansatz, seine ganze Denkweise – das ist very Belgian.« Demna Gvasalia, Glenn Martens, Matthieu Blazy, er selbst, da sei tatsächlich eine Nouvelle Vague aufgerückt, die durchaus Ähnlichkeiten mit den großen Namen von früher habe. »Martin, Dries, Raf Simons, Veronique Branquinho – sie haben nie wirklich Kompromisse gemacht, und die sehe ich auch bei den Jüngeren nicht«, erklärt Pieter Mulier. »Wir sind, so fürchte ich, alles echte ­Charaktere.«
Mulier muss es wissen: Er war 16 Jahre lang die rechte Hand von Raf Simons. Eigentlich hatte er Architektur in Brüssel studiert; Simons saß bei seiner Abschlussprüfung in der Jury, nahm ihn danach zur Seite und sagte: »Ich glaube nicht, dass du Architekt bist. Du solltest Mode­designer werden.« Und natürlich sollte Simons, der selten ein Nein akzeptiert, recht behalten. Einen anderen Belgier kennt Mulier ebenfalls besser als jeder andere: Matthieu Blazy von Bottega Veneta ist sein langjähriger Lebensgefährte, beide pendeln zwischen Paris beziehungsweise Mailand und ihrem gemeinsamen Zuhause in Antwerpen hin und her. Ausgerechnet die beiden, die bisher immer gern in der zweiten Reihe agierten, bilden mit einem Mal das neue Powercouple der Mode.

Der Belgier Matthieu Blazy (links) wurde 2021 zum Kreativdirektor von Bottega Veneta erkoren, Landsmann Pieter Mulier (re. im Bild mit Raf Simons) im gleichen Jahr zum Designer von Alaïa.

Auch Glenn Martens denkt, dass das Konzeptionelle für fast alle Belgier stehe. »Wir haben alle eine andere Ästhetik, aber es geht bei keinem von uns nur darum«, sagt der 39-Jährige. Bei den Italienern sei das anders, Gianni Versace etwa ging es um die pure Schönheit, die Frau, die Göttin. »Bei mir braucht jedes Teil noch eine Idee, um eine Berechtigung zu haben, und wenn ich mit Dries (Van Noten, Anm.) spreche, sagt er das Gleiche. Er macht nie nur schöne Kleider. Natürlich sind sie schön, aber jeder Print, jeder Schnitt hat noch eine Geschichte«, so Martens.

Manche hielten die Belgier deshalb vielleicht für verkopft, für Kreative mit großen Egos, sagt Linda Loppa. »Aber sie fühlen sich im Gegenteil vor allem der Sache verpflichtet. Wenn wir eine wichtige Aufgabe bekommen, wollen wir sie gut machen. Wir sind nicht frivol, sondern extrem verantwortungsbewusst.« Genau deshalb seien diese Designer gerade so gefragt. »Modemarken sind heute riesige Maschinen mit großem Druck und riesiger Verantwortung«, meint Loppa. »Dafür brauchst du keine Diva, die das nächste möglichst schockierende Design entwirft.«

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