Fashion Week im Metaverse

von Silvia Ihring

by divaonline-admin

Die erste Modewoche auf der rein virtuellen Plattform ist über die Bühne gegangen – mit Marken wie Dolce & Gabbana, Etro oder Tommy Hilfiger. Sie alle hoffen darauf, dass immer mehr Modefans Geld in ihr virtuelles Ich investieren wollen. Ob das aufgeht?

Das Casting ist, nun ja, speziell: Die Models haben Spitzohren, insektenhaft große Augen und kleine Schnauzen. Aus irgendeinem Grund führt das Label Dolce & Gabbana seine erste Modenschau im Metaverse an Katzen vor. Diese stolzieren über einen lilafarbenen Laufsteg, springen in die Luft, drehen Pirouetten oder posieren wie Eiskunstläuferinnen. Sie tragen kokonartige Daunenjacken, Overknees, Logo­gürtel oder Kleider, die aussehen, als habe man Neonröhren in ihnen verarbeitet.
Fashion Weeks gibt es ja nun wirklich genug, aber diese hier ist anders. Sie findet nicht in
Paris oder Mailand statt, sondern im Metaverse, auf einer virtuellen Plattform namens Decentraland. Wer teilnehmen will, muss keinen Flug buchen oder in ein teures Hotel einchecken, man muss nicht mit Taxi und U-Bahn von Termin
zu Termin hetzen oder sich auf eine viel zu schmale, mit Zuschauern vollgepackte Sitzbank am Rande eines Laufstegs quetschen – die ­»Metaverse Fashion Week« findet zwar nur im virtuellen Raum statt, aber auch hier wird Mode immer wichtiger.
Sie ist das erste große Event, auf dem sich Marken, Kreative und Kunden im offiziellen Rahmen virtuell versammeln, um eine Vision zu feiern; die Vision eines neuen schönen ­Treffpunkts und lukrativen Marktplatzes, auf dem man shoppen geht, Looks ausprobiert, Ideen entdeckt und sich selbst inszeniert – genauso, wie Modefans es auf physischen Fashion Weeks und Events eben auch tun.

Unterhaltsam

Was die Markennamen angeht, kann sich die Modewoche noch nicht mit Paris oder Mailand messen, aber die Liste der teilnehmenden Brands beeindruckt dennoch: Etro stellte in einer eigenen Schau eine neue, genderfluide Kollektion mit einem Muster namens »Liquid Paisley« vor, die man sowohl im Metaverse als auch im echten Leben kaufen kann. Tommy Hilfiger präsentierte seine aktuelle Frühlings­kollektion und hatte ebenfalls zum virtuellen Shopping-Event auf einer eigens eingerichteten Plattform geladen. Wer sich dort versammelte? Individuell gestaltete Avatare von echten Usern, die ihre Meta-Garderobe aufmotzen wollen. In der Umsetzung sieht das alles sehr unterhaltsam aus, auch wenn sich die Models zum Beispiel bei Etro etwas steif durch den Raum bewegen und Make-up und Styling nicht über die Ausstattung einer durchschnittlichen »Sims«-Figur hinausgehen.

Richtig reibungslos verlief diese Fashion Week auch nicht. Wo welches Event in Decentraland stattfindet, war nicht sofort ersichtlich, und nicht jede Hardware oder jedes WLAN-Netzwerk lieferte genug Power, um den Avatar ohne Unterbrechungen und Abstürze seiner Entdeckungstour nachgehen zu lassen. Dem Durchschnitts-Laptop verlangt dieses digitale Erlebnis zu viel ab.
Trotzdem: Die teilnehmenden Marken und Organisationen erhoffen sich davon viel. Social Media, Gaming, Virtual Reality und die Blockchain verschmelzen gerade zu einer neuen
virtuellen Parallelwelt, die sich eben Metaverse nennt. Decentraland ist nur eine von vielen Plattformen, die das Metaverse ausmachen und in die sich User einloggen können. Wollen sie dort alle Funktionen nutzen (beziehungsweise Geld ausgeben), brauchen sie eine Wallet, eine Geldbörse für Kryptowährungen, mit der man im Metaverse einkaufen kann. Immer mehr Unternehmer, Kreative und Entscheider, nicht nur in der Mode, sehen hier Chancen
für die Erschaffung eines virtuellen Raums, der wie sein physisches ­Pendant voller Geschäftsideen und Verdienst­möglichkeiten steckt. Menschen haben schon Immobilien im Metaversum erworben, Konzerte besucht, Partys gefeiert – und eben Mode gekauft.

Gamer als Protagonisten

Virtuelle Kleidung ist an sich nichts Neues. Gerade für die Gaming-Community gehört es oft dazu, dass man für seine Videospielcharaktere in angemessene Looks, sogenannte »Skins«, investiert, und Marken wie Louis Vuitton oder Burberry haben deswegen auch schon mit Videospielfirmen kooperiert. Balenciaga hat sogar sein eigenes Spiel lanciert (und dem Thema Metaverse eine eigene Abteilung im Unternehmen gewidmet). Nike sorgte im vergangenen Dezember für Schlag­zeilen, als es RTFKT, ein Start-up, das virtuelle ­Sneakers designt, kaufte. Gucci lud auf der Metaverse-Plattform Roblox zum Rundgang durch einen »Gucci Garden« ein, und Dolce & Gabbana veranstaltete anlässlich seiner Alta-Moda-Schau in Venedig im vergangenen Sommer eine NFT-Auktion: Das Label versteigerte einzigartige virtuelle Versionen seiner Haute-Couture-Looks. Der Erlös: fast 1,9 Millionen Ether – Kryptowährung im Wert von fast sechs Millionen US-Dollar.
Die Vorstellung, so viel Geld für Kleidungs­stücke zu bezahlen, die nicht wirklich existieren, ergibt nur für jene Sinn, die der virtuellen Realität eine ebenso große Bedeutung beimessen wie ihrem echten Leben. Und das werden immer mehr, aus nachvollziehbaren Gründen: Selbst wer das Metaverse nicht nutzt, verbringt oft einen großen Teil seiner Zeit auf digitalen Plattformen. Man postet Selfies auf Instagram, optimiert den Filter für den Zoom-Call, flirtet auf Tinder. Vir­tuelle Partys und Konferenzen schienen früher undenkbar – in der Pandemie entwickelten sie sich zur Notlösung, heute sind sie fast der Standard. Sie sind leichter, schneller, billiger.

Virtuelles ich

Das werden einige auch über die Metaverse Fashion Week sagen. Die Ver­anstalter und die teilnehmenden Marken setzen darauf, dass sich eine neue Generation von Web-Usern zunehmend über ihr virtuelles Ich definiert und ergo bereit ist, dafür Geld auszugeben. Dafür bekommen sie auch einiges geboten: Auf Decentraland haben Schauen und Partys stattgefunden, das britische Kaufhaus Selfridges eröffnete einen Store, es gab Ausstellungen und Gesprächs­runden. Rund 562 000 aktive User hat die ­Plattform im Monat – durch die Fashion Week sind es wieder einige mehr geworden.
Denn einen entscheidenden Vorteil hat die Metaverse Fashion Week gegenüber physischen Modewochen: Jeder kann teilnehmen, jeder kann dabei sein, ob als Zuschauer oder »Creator«, aus jedem Land und zu jeder Uhrzeit (der Eventplan läuft 24/7). Die Möglichkeit, selbst virtuelle Looks und Accessoires zu entwerfen und sich und seine Community damit zu unterhalten, prägt neue Videospiele und soziale Plattformen wie »Animal Crossing« oder die App »Drest«; sie lockt viele Menschen ins Metaverse und hat auch zur Gründung zahlreicher Start-ups geführt, die Virtual Design mit Mode-Know-how verbinden.
Wie so viele neue Technologien soll auch eine Veranstaltung wie die Metaverse Fashion Week in den Augen der Macher dafür sorgen, dass die Modewelt demokratischer, offener und freier wird. Sam Hamilton, der für die Organisation hinter Decentraland arbeitet, und die Tech-Designerin Giovanna Casimiro veranstalteten die Modewoche gemeinsam. Sie erklärten dem Fachmagazin »Women’s Wear Daily« sogar, dass sie kein Problem damit hätten, wenn andere Plattformen ihr Event kopieren würden: »Wir bauen hier gerade die neue Generation des Internets«, sagte Hamilton, »und wir tun das alle gemeinsam.«

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