Gucci wird 100!

by divaonline-admin

Das Florentiner Modehaus Gucci feiert seinen 100. Geburtstag. Kreativdirektor Alessandro Michele zelebriert das Jahrhundertereignis mit einer fulminanten Kollektion voller Zitate und Referenzen. Eine Dechiffrierung.

von Silke Bender

Man ahnt es bereits: Wenn im September die schon jetzt gehypte »Aria«-Kollektion in die Läden kommt, werden die Mäntel und Blazer mit dem doppelten Schriftzug Gucci und Balenciaga wohl die Bestseller werden. Kein namhaftes Medium, das dieses Detail nicht mit schnappatmenden Worten wie »revolutionär« belegte. Aber lassen wir die Kirche mal im Dorf: Alessandro Michele, Kreativdirektor von Gucci, hat seinen Freund und Kollegen Demna Gvasalia von Balenciaga vorher brav gefragt, ob er darf -und außerdem gehören beide Modehäuser demselben Konzern, Kering. Mit Hacking, wie Michele es nennt, einem Wort, dem eine subversive, illegale Bedeutung innewohnt, hat das wenig zu tun. Die ganze Aufregung, wie genial oder banal es ist, wenn sich ein Logo zu einem anderen auf demselben Kleidungsstück gesellt, oder wenn ein Designer die Entwürfe oder Silhouetten eines anderen zitiert, kopiert oder sublimiert, scheint wie ein selbstreferenzielles Schattenboxen in der Modeblase und lenkt vom Wesentlichen ab: einer im Ganzen kraftvollen Kollektion, der der kommerzielle Erfolg -von den Accessoires bis zum Styling -gewiss zu sein scheint und deren 94 Looks so glamourös, fiebrig und überdreht wirken, als würden sie nur darauf warten, dass die Party endlich wieder losgeht. Von wegen neue Post-Corona-Bescheidenheit und Pro-Klima-Askese: Gucci will sorglos feiern, als gäbe es kein Morgen, mit Pailletten, Federn, Bling-Bling, Glitzer und Geschmeide in Hülle und Fülle -more is more.

HOMMAGE AN GUCCIO GUCCI

In dem in der Cinecittà bei Rom gedrehten Kollektionsclip trifft sich die Crowd aus feierwütigen Models im imaginären »Savoy Club« erst zum peitschenknallenden Show-off und dann in einem verwunschenen Garten mit Pferden, Pfauen und Kaninchen zum schwerelosen Dream-on. Michele lässt dabei 100 Jahre Gucci-Geschichte Revue passieren und schafft es trotz zahlreicher Referenzen an die Vergangenheit, die Marke so frisch und prall aussehen zu lassen wie lange nicht.

»Savoy Club«, weil der Gründer des Hauses, Guccio Gucci, in seiner Jugend im Hotel Savoy in London als Portier gearbeitet hat. Inspiriert vom edlen Gepäck der Gäste und der Pferdeaffinität der englischen Oberschicht begann der Sohn eines Lederhandwerkers zurück in Florenz im Jahr 1921, selbst Taschen und Reisegepäck zu entwerfen. Das Savoy, das Michele hier nachempfindet, ist jedoch ein postmoderner Nachtclub, durch dessen weißen Eingangstunnel unter Blitzlichtgewitter ganz jetztzeitige Instagram-Göttinnen und -Götter paradieren, mit unverkennbaren Reitsportdetails wie Kappen, Stiefeln mit Sporen, Gerten und Peitschen, die in diesem Kontext aber zu Fetisch-Wear mutieren. Bloß nicht, dass Michele nun auch noch ein »Hack« bei Hermès angedichtet wird: Zu Beginn stellte Gucci tatsächlich auch Sättel und andere Accessoires für Reiter her, womit das Haus auch unter englischen Aristokraten bekannt wurde und an Beliebtheit gewann. Die rot-grün gewebten Streifen, angelehnt an Satteldetails, kommen in Micheles Geburtstagskollektion als Brustschärpe mit einem violetten Top daher -wie das ebenfalls zur Signatur gewordene Trensengebiss, das übrigens Guccis Sohn Aldo das erste Mal 1953 als Schnalle auf einem Loafer einsetzte. Bei Michele blitzt es jetzt überall wieder auf: als kleines Gürteldetail oder groß auf ledernen Brustharnischen, die auch in einem SM-Shop an der richtigen Adresse wären. Womit wir bei der nächsten Referenz wären: der Ära Tom Ford bei Gucci (1995-2004), der das Label mit einem aggressiven Porn-Chic aufpolierte. Unvergessen das Kampagnenfoto von Mario Testino, gestylt von der ehemaligen Pariser »Vogue«-Chefin Carine Roitfeld, in der eine fast nackte Carmen Kass einem männlichen Model das »G« zeigt, das sie sich in ihr Schamhaar rasiert hat. Fords schlüpfrige Slipkleider und sexy Stilettos standen in krassem Gegensatz zum minimalistischen Trend der Zeit und waren heiß begehrt. Das Motto »Sex sells« machte das vorher strauchelnde Haus Gucci zu einem Zehn-Milliarden-Dollar-Superstar. Der rote Samtanzug mit leicht ausgestellter Schlaghose, den Michele für Frauen wie Männer vorschlägt, gleicht bis ins Detail jenem, den Gwyneth Paltrow 1996 bei den MTV Awards trug -von Tom Ford.

GUT BETUCHT

Um die weniger exhibitionistisch veranlagte Kundin in der insgesamt sexuell aufgeladenen Kollektion nicht ganz zu verschrecken, gibt es neben drapierten Roben aus Lurex oder plissiertem Goldlamé, die an Hollywood-Diven erinnern, auch fast schon bourgeoise Stücke fürs Büro: All-inone-Looks vom Cape bis zu den Stiefeln im bekannten Gucci-Canvas-Muster. Dieses aus einer Not heraus geborene Tuch ist längst eine weitere Signatur des Hauses, so leicht erkennbar wie das verschränkte GG-Logo. Mitte der 1930er-Jahre war Leder aufgrund der Sanktionen gegen das faschistische Italien schwer zu bekommen, also begann Gucci, mit alternativen Textilien zu experimentieren. Dies führte zum allerersten Gucci-Canvas: kleine, miteinander verbundene Rauten in Dunkelbraun, die in einen hellbraunen Hanfstoff einge-webt wurden.

Auf einem dieser Canvasmäntel lässt Michele nun als doppeltes Labelling sogar den Schriftzug Balenciaga laufen -das Haus, das unter dem Streetstyle-Apologeten Demna Gvasalia zu neuer Blüte kam. Michele geht noch weiter: Er kapert gleichzeitig die ikonischsten Stücke von Gvasalias frühen Kollektionen (wie die kantigen Oversize-Mäntel, die Hourglass-Tasche oder die Leggingstiefel) und versieht sie mit dem Gucci-Canvas oder dem Gucci-Flora-Muster -eine Verneigung vor seinem Freund Gvasalia, den er für seine nonkonformistische Strenge schätze, schreibt Michele im Vorwort zur Kollektion. Warum aber gerade Gvasalia? Die verschlungene Antwort findet sich im Soundtrack zum »Aria«-Videoclip. Sampling, das Zusammenmischen bereits vorhandener Tracks zu etwas Neuem, ist in der Musik ja längst gang und gäbe. Hier hat sich Michele großzügig in der Hip-Hop-und Rap-Szene bedient, die Gucci diverse musikalische Denkmäler setzte: von Hits wie »Gucci Gang« über »Gucci Flip Flops« bis zu »Gucci Coochie«. Die Obsession schwarzer Rapper mit der italienischen Luxusmarke hat eine lange Geschichte. Alles begann 1982 mit »Dapper Dan’s Boutique« in Harlem. Nicht Demna Gvasalia, sondern der Afroamerikaner war der Erste, der Streetwear mit High Fashion kurzschloss, indem er falsche Luxuslogo-Mixe auf Lederjacken und Sweatshirts klebte und sie damit zu den Must-haves von schwarzen Musikern, Sportlern und Gangstern machte. Für Eric B. & Rakims Debütalbum »Paid In Full« schneiderte er 1987 Jacken mit dem Gucci-Logo und schuf damit eines der bedeutendsten Cover des Genres. Seine Kunden zahlten für »Dapper-Dan-Gucci« ähnliche Preise, wie sie im echten Flagship-Store in Manhattan vorzufinden waren. Weil manche Luxusmarken aus Europa damals ohnehin noch keine Kleidung, sondern nur Taschen und Accessoires verkauften, war die HipHop-Mode aus Harlem doppelt einzigartig. 1992 machten die so »gehackten« Luxushäuser Dapper Dan juristisch den Garaus, bis er 2017 von Gucci selbst zum neuen Partner gemacht wurde -erst als Gastdesigner und Model, dann mit einem Maßschneideratelier in Harlem. Zu verstehen war diese Rehabilitation als ein Mea culpa von Alessandro Michele, der nämlich selbst eines von Dapper Dans frühen Modelle kopierte, zitierte oder sublimierte, jedoch ohne Dapper Dan als Quelle zu nennen.

FAKE ODER NICHT FAKE

Wer heute in nicht gut beleumundeten Vierteln westeuropäischer Großstädte U-Bahn fährt und sich schon immer gefragt hat, woher die auffällige Dichte an dort getragenen Fake-Gucci-Logos und -Baseballcaps stammt, hat nun endlich auch eine Antwort. »Diese Obsession, wer wann was zum ersten Mal gesagt oder gemacht hat -und das heute, in einer Zeit, in der jeder jeden kopiert -, ist doch absurd«, sagte Michele am Rande des Drehs von »Aria«. Das wird seinem Brötchengeber, der wie alle anderen Luxuskonzerne immer noch hart gegen Markenpiraterie vorgeht, nicht gefallen haben. Vielleicht war das die wahre Revolution in dieser Kollektion.

Alessandro Michele hat eine kraftvolle Jubiläumskollektion kreiert. Die Kollektion »Gucci Aria« ist ein wilder Ritt durch Zeiten und Referenzen. 94 Looks, die so glamourös, fiebrig und überdreht wirken, als würden sie nur darauf warten, dass die Party endlich wieder losgeht. gucci.com

 

FILMREIFES FAMILIENDRAMA

Auch Hollywood leistet einen Beitrag rund um das 100-jährige Bestehen von Gucci: Unter der Regie von Ridley Scott wird in »House of Gucci«(Kinostart planmäßig im November) der Mord an Maurizio Gucci thematisiert, dem Enkel des Firmengründers. In den Hauptrollen: Lady Gaga und Adam Driver.

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