NEUE DESIGNER IM SPIEL

by divaonline-admin
Neue Designer

Vorbei sind die Zeiten, als man sich rund eine Handvoll Namen in der Mode merken musste, die als Trumpfkarte mal in dem, mal in dem anderen Spiel auftauchten. Eine neue Generation von Designern übernimmt. Diese sollte man jetzt kennen.

Bis vor etwa zehn Jahren erschien die Modewelt wie ein großer, schillernder, aber im Grunde übersichtlicher Jahrmarkt. Es gab Labels für Männer und Labels für Frauen, es gab zwei Kollektionen pro Jahr, die in London, Mailand, Paris oder New York auf dem Laufsteg präsentiert wurden; es gab Streetwear, Luxusmode und Haute Couture. Und es gab nur wenige Stardesigner, um die sich alles drehte. Dann wurde es verwirrend. Zuerst begann ein sich immer schneller drehendes Designerkarussell, dieselben Zugpferde auf immer neuen Drehscheiben zu präsentieren -man denke nur an Hedi Slimane, der zuerst bei Yves Saint Laurent, dann Dior Homme, dann wieder Saint Laurent den Takt angab und das heute bei Celine tut. Celine macht nun auch Männermode, wie so viele einst genuine Damenmodehäuser auch. Überhaupt, die modischen Grenzen zwischen den Geschlechtern lösen sich ebenso auf wie die starren Kalender, Marktkategorien und Präsentationsformen -manche Häuser präsentieren trotz Pandemie wieder live, andere nur noch digital. Selbst virtuelle Designerkleidung verkauft sich schon im Metaverse. Seit Herbst kann man zum Beispiel seinen Avatar im Onlinespiel »Fortnite« für etwa acht Dollar in Balenciaga kleiden. Hinzu kommen immer mehr Kollaborationen zwischen Modehäusern (Fendi und Versace, Gucci und Balenciaga) sowie mit Musikern und Künstlern für einzelne Zwischenkollektionen. In diesem hybriden Dampfkessel kochen nun die neuen Namen hoch, die man sich merken sollte.

Erwartungsvolles Debüt: DJ Nigo und Kenzo

Als der japanische DJ Nigo als neuer Kreativdirektor von Kenzo seine erste Herbst/Winter-Kollektion 2022 in Paris vorstellte, gab es einen Menschenauflauf wie lange nicht mehr. Die Show fand in der Galerie Vivienne statt, an demselben Ort, an dem der an Covid verstorbene Labelgründer Kenzo Takada 1970, im Geburtsjahr von Nigo, seine erste Modenschau zeigte. Beide haben auf ihre Weise mit dem Status quo der Mode gebrochen und so Karriere gemacht: Kenzo, indem er asiatische Ästhetik, Farben und Stoffe mit westlicher Schneidertradition verband; Nigo, indem er 1993 mit A Bathing Ape (oder auch Bape) eine der ersten wirklich globalen Streetwear-Marken gründete. Der Musiker und Produzent stand an vorderster Front der Hypebeast-Kultur. Mit seinen Camouflage-Looks und Diamantketten wurde er zum Liebling der US-Hip-Hopper und Rapper, zum coolen Helden für coole Typen wie Pharrell Williams oder Kanye West, die natürlich jetzt in der ersten Reihe saßen. Nigo zeigte ganz zeitgeistig die Damen-und Männerkollektion zusammen; eine fröhliche, vibrierende und vor allem tragbare Mode, die sich als Hommage an den frühen Kenzo verstand: viele Blumenprints, Cartoonmotive auf Strick, Wickeljacken, die an Kimonos erinnern -und Anleihen von Arbeitskleidung wie Latzhosen und Schürzen.

Der neue Kenzo-Kreative Nigo spielte bei seinem Debüt auf intelligente Weise mit klassischen Themen des Labels. kenzo.com

 

Gute Wahl: Pieter Mulier und Alaïa

Der neue Mann bei Alaïa ist Pieter Mulier. Drei Jahre blieb der Posten nach dem plötzlichen Tod der tunesischen Schneiderlegende Azzedine Alaïa verwaist, und alle fragten sich, wessen Schuhe wohl groß genug wären, um in seine Fußstapfen zu treten. Die Wahl fiel auf den 43-jährigen Belgier Mulier, der bisher nur absoluten Modeinsidern bekannt war.

Der studierte Architekt kam über seinen Mentor Raf Simons in die Modewelt und wurde seine rechte Hand; bei Simons’ Herrenlabel, bei Jil Sander, bei Christian Dior und Calvin Klein. Muliers zweite Kollektion für das Haus, die er wie üblich außerhalb des offiziellen Damenkalenders zeigte, bewies, warum der Mann aus der zweiten Reihe der Richtige ist: Azzedine Alaïa war ein Meister der Silhouette, die der architektonisch denkende Mulier ebenso versteht. Was er nicht mag, ist der neue Rummel um seine Person: »Wir leben in einer Modewelt, in der Designer zu großen Stars aufgebaut werden. Es war nie mein Traum, das zu sein, niemals«, sagte er in einem Interview. Er habe sich im Schatten anderer immer recht wohlgefühlt.

 

Große Erwartung:  Matthieu Blazy und Bottega Veneta

neue Designer_Matthieu BlazyEin weiterer Schattenmann rückt nun in die erste Reihe auf: Matthieu Blazy (37) bei Bottega Veneta. Die entzückende Pointe: Der gebürtige Pariser, der in Brüssel studierte, ist seit 17 Jahren der Lebenspartner von Pieter Mulier. Sie lernten sich bei Raf Simons kennen. Seine Sternstunde erlebte Blazy als Chefdesigner der auf Anonymität bedachten »Artisanal«-Linie von Maison Margiela, als er 2014 Kanye West für seine »Yeezus«-Tour ausstattete -inklusive diamantbesetzter Bühnenmaske. Blazys Spitzname wurde »der berühmteste Designer, von dem Sie noch nie gehört haben«; dann wurde er die rechte Hand von Daniel Lee bei Bottega Veneta, dessen Posten er nun erbt. Seine erste Kollektion ist eine Fortsetzung der Stossrichtung seines Vorgängers -also ein cooler Chic aus kostbaren Materialien in wenigen, ausgesuchten Farbtönen. Und das Paar Mulier-Blazy führt nun eine Fernbeziehung -Pieter in Paris, Matthieu in Mailand, und wenn sie Glück haben, verbringen sie am Wochenende 24 Stunden zusammen in der gemeinsamen Wohnung in Antwerpen. Der Hund pendelt mal mit dem einen, mal dem anderen mit.

 

Brüderliche Übergabe: Guram Gvasalia und Vetements

Guram GvasaliaIn der Familie bleibt das Zepter von Vetements: Guram Gvasalia, der jüngere Bruder von Demna, machte sein Outing als neuer Kreativchef gleichzeitig mit der Herbst/Winter- Kollektion 2022, die er abseits des Modekalenders bereits Ende letzten Jahres vorstellte. Die beiden Georgier gründeten das Underground-Designerkollektiv 2014 gemeinsam in Paris, Guram als Geschäftsführer im Hintergrund, Demna als Kreativer an der Front. Man kommt nicht umhin, Gurams erste Kollektion für Vetements wie einen Kommentar zur Balenciaga-Haute-Couture seines Bruders zu interpretieren, der mit Kim Kardashian auf der Met Gala in New York einen weltweiten Buzz auslöste: die monochromen Looks, die anonymisierten Models hinter Stoffmasken, die vor falschen Dollarnoten posieren -Mode, die sich an die Bitcoin-und Social-Media-Millionäre der Neuzeit wendet.

Masken, betonte Guram im einem Interview mit der US-»Vogue«, seien schon viel länger im Repertoire von Vetements: »Die Wahrheit ist doch, dass man in der heutigen Welt, die von sozialen Medien dominiert wird, einer manchmal toxischen Umgebung, nicht Kim Kardashian sein muss, um etwas Privatsphäre in seinem Leben zu brauchen.«

»Es ist Zeit für mich, herauszukommen! Mit der kommenden Kollektion habe ich Vetements übernommen und beschlossen, als Creative Director tätig zu werden«, so Guram Gvasalia. vetementswebsite.com

 

Die Zeit der Influencerinnen

Womit wir bei den Influencerinnen wären. Zuerst haben sie die Moderedakteurinnen bei den Fashionshows aus der ersten Reihe verdrängt, jetzt rücken sie sogar in Schlüsselpositionen der Branche auf. Das italienische Luxusschuhhaus Sergio Rossi überträgt Evangelie Smyrniotaki den Posten der Kreativleiterin für Image, Werbung und Content. Die 30-Jährige machte sich als »Style Heroine« auf Instagram mit über 400.000 Followern einen Namen. »Die Kommunikation hat sich in den letzten Jahren stark verändert, Evangelie verkörpert die neuen Profile, die die Branche braucht«, heißt es aus Rossis Chefetage.

 

Abwechslung: Glenn Martens und Jean Paul Gaultier

In die großen Fußstapfen, die Jean Paul Gaultier in der Modegeschichte hinterlässt, treten seit letztem Jahr auf Einladung des Meisters nun wechselnde Designer. Für die Haute Couture Frühjahr/Sommer 2022 ist das der 38-jährige Glenn Martens, der mit Y/Project seit 2013 beweist, wie Streetwear-Elemente und Luxusmode auf einen Nenner gebracht werden können. Der Belgier, der seit 2020 auch das italienische Label Diesel so umkrempelt, dass es in höhere Sphären steigt, meistert auch den Olymp der Schneiderkunst; kein Wunder, begann seine Karriere doch im Hause Gaultier. Die spektakuläre Kollektion interpretiert die bretonischen Marinestreifen, die kurvigen Korsett-Looks und fließenden Chiffonkleider des Meisters auf so neue und aufregende Art, dass man sich wünscht, es wäre nicht das letzte Mal gewesen.

 

 

Aufregend: Rhuigi Villaseñors und Bally

Als kürzlich Rhuigi Villaseñors neuer Posten (Kreativdirektor des Schweizer Damenlabels Bally) bekannt gegeben wurde, gab es ein wenig Aufregung, weil eine weitere Luxusmarke einen sogenannten »Streetwear-Designer« einstellte. Der philippinisch-amerikanische Gründer der Marke Rhude ist jedoch weit mehr als das: Auf Instagram betreut er eine fast schon fanatische Fangemeinde, die den 29-Jährigen als Stilgott anhimmelt. Dieser geht mit dem Sprung zu Bally doch nur den Weg, den schon andere sehr erfolgreich beschritten: Designer, die teils ohne klassische Modeausbildung im Fahrtwind der sozialen Medien geschickt zwischen vielen Subkulturen segeln, bevor sie an Bord der großen Flaggschiffe gehen.

 

Spekulationen bei Louis Vuitton

Wer die große Lücke schließt, die Superstar Virgil Abloh nach seinem Tod bei Louis Vuitton und Off-White hinterließ, bleibt fraglich. »Vielleicht der modeaffine Rapper Kanye West?«, war pietätlos schnell in Onlinemedien zu lesen. Der Luxuskonzern LVMH behält aus gebotenem Feingefühl dieses Ass noch im Ärmel, ebenso wie den konkreten Zeitpunkt, an dem die Herzdame aller Businessfrauen, Phoebe Philo, wieder ins Spiel kommt.

Nur eines steht fest: Dieses Jahr noch sollen die alten Celine-Fans, die die ehemalige Designerin des Labels schmerzhaft vermissen, sie wiederbekommen. Als die »one and only Phoebe Philo«.

 

 

 

 

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